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Warum ich kein Christ mehr bin

Gespeichert von admin am Do, 02/25/2016 - 02:29

Mein Großvater war in den 20ger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Mitbegründer der „Philadelphia-Gemeinde“ in Rendsburg. Das war eine Pfingstgemeinde schwedischer Richtung, die Anfang des 20. Jahrhunderts durch Lewi Pethrus in Stockholm gegründet wurde. Die schwedische Pfingstbewegung arbeitet ausschließlich nach dem kongregationalistischen Prinzip.

(Jede Ortsgemeinde ist selbständig in Lehre und Organisation.)

Im Dritten Reich wurde die Gemeinde verboten und fand Aufnahme im „Baptisten-Bund“, um sich nach dem Krieg wieder – verstärkt durch die Flüchtlinge der „Elim-Pfingst-Gemeinden“ - als „Pfingstgemeinde“ in Rendsburg selbständig zu machen.

Meine Kindheit wurde geprägt durch schwache indifferente Sehnsüchte meiner Familie nach der alten „Philadelphia-Zeit“ und neue dynamische Prägungen der „Pfingstgemeinde“ und der aktuellen „Freien Christengemeinde“, die ein Zusammenschluss der aktuellen „Pfingstler“ der Nachkriegszeit war. Meine Familie war auch in dieser „Neuzeit“ aktiv dabei.

Ich habe begierig die „pfingstlerischen Freiheiten“ genossen und mir selbst eine nach bestem Wissen und Gewissen vertretbare pfingstlerische Theologie erarbeitet. Das war eine herrliche Zeit, die mir immer neue theologische Freiheiten schenkte. Über 10 Jahre habe ich als „Pfingstprediger“ gearbeitet. Unmerklich kam ich an organisatorische Grenzen, denn unterschwellig gab es sehr wohl starke Grenzziehungen, die nicht von der „Theologie“ bestimmt wurden, sondern von dem Erfolg der Arbeit, also gewissermaßen soziale Grenzziehungen. Die soziale Akzeptanz war wichtiger als die positiv verstandene Rechtgläubigkeit. Wenn ich heute durch das „Internet surfe“, finde ich eine massive Ausprägung dieses Prinzips. Von „schamanistischen“ Arbeitsmethoden und Esoterik bis hin zum „Wohlstandsevangelium“ ist alles unter „den Pfingstlern“ vertreten und feiert unter den 500 Millionen Pfingstlern fröhliche Erfolge. Mir gefällt das, auch wenn ich daran schon seit vielen Jahren nicht mehr partizipiere.

Und wieder passierte etwas mit mir, was ich nur rückblickend wahrnehmen kann. Mit der Begeisterung für die sozialen Erfolge der Pfingstler und meiner eigenen theologischen Entwicklungen kam mir „das ewige Evangelium“ mit Gott und Jesus Stück für Stück abhanden. Es ging nun nicht mehr um die urchristliche Botschaft, sondern um eine Botschaft die - christlich eingefärbt - Erfolg bringt. Das Christentum verkam zu einer gängigen Erfolgsmethode, in der die christliche Vorprägung hilfreich sein kann.

Ich habe dann in privaten Experimenten versucht in meiner Arbeit auszutesten, ob ich die positiven Erfolge auch erlebe, wenn ich die religiöse Vorprägung weglasse. Es hat wunderbar funktioniert. Mit Gott und Gebet, oder ohne, meine Handauflegungen haben immer um die 30 – 40% Erfolg gehabt. Daraus ergab sich zwingend, dass ich Gott und den ganzen religiösen Bereich nicht mehr gebrauchen kann, weil mich das in meiner eigenen Entwicklung nur eingrenzend und negativ behindert.

 

B. Brecht wurde gefragt, ob es einen Gott gibt. Er antwortete mit einer Gegenfrage: „Ändert sich dein Verhalten im Alltag, wenn es einen Gott gibt, oder wenn es ihn nicht gibt?“

Bei mir hat sich nichts verändert. Ich habe beide Seinsweisen intensiv ausprobiert. Die Seinsweisen ohne Gott und Jesus machen mich sehr zufrieden in den letzten drei Stufen des Glaubens, als Teil meiner Persönlichkeitsentwicklung.

(James Fowler, Stufen des Glaubens, ISBN 3-579-05176-8)

Weitere Ausführungen schreibe ich gerne auf Anfragen, sonst zu gelegener Zeit.